Schwedentratsch am Freitag: Zum Vierten

Freitag, 22. August 2014 | |
Seit neun Tagen bin ich nun also ein Schwedenmädchen, wie mein Papa zu sagen pflegt.
Es ist so unglaublich vieles passiert, in dieser kurzen Zeit. So viel, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Zuallererst: Ich bin glücklich. Und das ist das Wichtigste für mich im Moment. Nicht dauerglücklich, nicht überglücklich, nicht endlosglücklich. Aber glücklich.
Ich glaube, ein Austauschschüler zu sein, bedeutet nicht, dass man immer jedem und allem mit einem Lächeln gegenübersteht. In dieser kurzen Zeit habe ich schon so vieles gelernt. Zum Beispiel, dass auf nicht so schöne Gedanken ein Ereignis folgt, welches deine Stimmung in Millisekundenschnelle ändert. Oder dass lange vorhergedachte Gedanken nichts nützen, wenn du plötzlich mittendrin bist. Alle, noch so plausiblen Ereignisse gedanklich in meinem Kopf abgespult, nützen im Moment nichts.
Das ist eine wirklich neue Erfahrung für mich, weil ich immer glaubte, auf alles vorbereitet sein zu müssen. Hier in Schweden hat das keinen Sinn mehr. Abwarten. Und positiv denken. "Lösungsorentiert", wenn ich erneut meinen Papa zitieren will.
Um euch hier jedoch nicht weiter zu langweilen, fange ich an zu erzählen. Ich denke, ich beginne einfach einmal am Tag vor der Abreise. Koffer packen. Für ein Jahr. Klingt schwieriger, als es schlussendlich tatsächlich war. Ich hab die Kleidung sorgfältig in "mitnehmen" und "hier lassen" getrennt. Der Koffer ging zu, auch dank Papas ausgezeichneter "Alles geht rein, wenn man nur gut schlichtet"-Mentalität. Außerdem habe ich noch einen Laptoprucksack und meine Kameratasche zum Flughafen mitgeschleppt. Wir, also Mama, Papa und Ich, fuhren schon am Nachmittag des Tages davor nach Wien. Haben einen Abstecher ins Einkaufszentrum gemacht, suchten typisch österreichische Süßigkeiten, fanden nur Plagiate. Schließlich eine Packung Wiener Zuckerl gekauft, welches aber über einen Kilo wog und somit wegen der Kilobeschränkung nicht mehr in den Koffer passte. Im Einkaufszentrum haben wir dann noch etwas gegessen. Danach sind wir zu Freunden gefahren, bei denen wir übernachtet haben. Meine Aufregung hielt sich in diesen Stunden eigenartigerweise in Grenzen. Natürlich war da so ein kleines Kribbeln im Bauch, aber ich bekam keine Panik oder so. Es überwiegte die Freude. Allerdings konnte ich einfach nicht schlafen, deshalb blieb ich die halbe Nacht auf und schlief nur zwischendurch für zwanzig Minuten oder so ein. Hab ganz viele liebe Nachrichten bekomen, lange, kurze, sehr persönliche und auch einfach nur die "Guten Flug"-Messages.
Da der Treffpunkt am Flughafen für sieben Uhr morgens angesetzt war, stand ich um fünf Uhr auf (wobei ich ja gar nicht richtig schlief, insofern relativiert sich das aufstehen wieder). Um sechs Uhr mussten wir nämlich schon los, da man in Wien (und in Städten allgemein) Stau einplanen muss. Obwohl kaum geschlafen, fühlte ich mich fit wie nie zuvor. Meiner Mama war da der wenige Schlaf schon eher anzusehen. Später als geplant saßen wir dann im Auto mit dem Ziel Flughafen. Wenn man hofft, es gibt keinen Stau, gibt es einen. Das war meine erste Lektion an diesem Tag. Weil wir eh schon später dran waren und dann eben noch der Stau ein Weiterkommen verhinderte, schrieb ich meiner Austauschschülerfreundin Marlene eine Nachricht. Sie war schon am Flughafen und teilte mir mit, dass der Flug zwei Stunden Verspätung hat. Da setzte ein wenig die Ernüchterung bei mir ein, weil ich mich in diesem Moment auf das Austauschjahr so sehr freute wie die ganze Zeit zuvor nicht. Meiner "Positiv denken"-Einstellung konnte das trotzdem nichts anhaben. Am Flughafen trafen meine Eltern und Ich auf die zwei anderen Austauschschüler (Kristian & Marlene) und ihre Eltern, die mit mir nach Schweden flogen und die ich schon davor auf dem Vorbereitungsseminar (VBT) kennengelernt habe. Uns allen war ein wenig die Anspannung anzumerken. Ebenfalls am Flughafen waren zwei Mädels von meiner Organisation (YFU). Eine von ihnen kannte ich schon davor, ebenfalls von der VBT, die andere kannte ich noch nicht, machte ihr Austauschjahr aber auch in Schweden. Wir bekamen unsere Tickets und noch andere Infos bevor wir schließlich die Wartezeit mit einem Frühstück überbrückten. Wir unterhielten uns, allerdings nur über so random Themen, da wir natürlich alle gedanklich schon ganz woanders - nämlich in Schweden - waren. Die Zeit schien im Schneckentempo vorrüberzugehen. Vicky, die nach Norwegen flog und die ich auch von der VBT kenne, kam dann ebenfalls bei unserer Frühstücksrunde vorbei, da unsere Flüge aufgrund der Flugverspätung fast um dieselbe Zeit abhoben.
Die Zeit tickte, als die Mädels von meiner Organisation sagten, wir sollten schön langsam in Richtung Gate gehen. Dort verabschiedeten wir uns von unseren Eltern. Ich hab mir den Abschied ehrlich gesagt reichlich dramatischer vorgestellt als er schließlich war. In diesem Moment realisierst du gar nicht, dass das ein "Auf Wiedersehen für ein Jahr"-Abschied ist, denn wir waren alle viel zu aufgeregt und gespannt auf unsere Zeit in Schweden. Meine Mama und die anderen Elternteile realisierten es aber offenbar schon, deshalb flossen auf deren Seite auch ziemlich viele Tränen.
Durch den Dschungel der Duty Free Stores geschlängelt erreichten wir den Security Check. Die Sorge, dass es bei mir piepst, war unbegründet, alles lief rund. Danach hieß es wieder warten. Die Zeit schien nicht zu vergehen. Gefühlt eine Ewigkeit saßen wir Drei da, redeten nur über Unverfängliches. Dann, endlich, der Aufruf das wir uns nun in einen dieser Busse, die dich quer über den Flughafen zu deinem Flugzeug bringen, begeben sollen. Ich bin noch nie in einem dieser Busse gefahren und es war jetzt auch nicht sonderlich spektakulär. Allerdings war es an diesem Tag in Wien wirklich windig und sehr kalt, deshalb wollten wir schnell ins Flugzeug. Anscheinend wollten zu dieser Zeit nicht wirklich viele Leute nach Stockholm, denn die Sitzplätze waren bei Weitem nicht voll belegt. Ich saß am Fenster, neben mir Marlene und ganz außen Kristian. Der Flug war gut (auch wenn es einige Turbulenzen gab), fühlte sich aber auch wie eine kleine Ewigkeit an, trotz der Flugdauer von nur knapp zwei Stunden. Ich habe außerdem während des Fluges mein Schwedenheft durchgelesen, in welches meine Freunde geschrieben haben. So viele liebe Worte standen da drin, ich hab mich so sehr darüber gefreut! Wenn das hier jemand von euch liest, feste Umarmung und ein riesiges Dankeschön!

Bevor dieser Post in einen kleinen Roman ausartet, beende ich ihn für heute lieber. Den nächsten Schwedentratsch-Post beginne ich dann dort, wo dieser aufgehört hat, nämlich mit der Ankunft in Stockholm. Zuvor noch ein bisschen schwedisches Vokabular.

Jag skulle vilja ha en Kanelbulle. - Ich hätte gern eine Zimtschnecke.
Auf Wiedersehen! - Hej då!
Bitte! - Varsågod!

Ich hoffe, ihr verbringt wundervolle Tage - egal wo!
Alles Liebe und Bis bald,
Liz. 

Kommentare:

  1. ich glaube ich hätte voll schwierigkeiten damit für ein jahr einen koffer zu packen! :D
    aber schöner post,ich freu mich sehr auf den nächsten! :)
    und dass du glücklich dort bist,ist sehr schön zu hören! :)

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  2. Hab mir Grade aaaalles durchgelesen und freu mich schon sehr auf die Fortsetzung :)
    Viele liebe grüße aus dem (sicher langweiligerem) Österreich ;))

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  3. Schön, dass alles bisher so gut für dich geklappt hat und der Abschied dir nicht allzu schwer fiel! Vor solchen Momenten habe ich ja immer am meisten Angst, weil ich mit Abschieden rein gar nicht umgehen kann. Total doof...
    aber bisher scheint ja alles gut gelaufen zu sein!

    Das ist leider ja immer so. Man denkt sich im Vorfeld immer, das man auf jeden Fall gut vorbereitet sein wird und jeden Stress so gut es geht eliminieren will. Also sorgt man dafür, dass man seine sieben Sachen zusammen hat und plant alles. Aber letztlich kommt dann fast immer doch noch irgendwas dazwischen, was nervig ist und doch noch zu Stress führt...

    Das ist leider immer so eine Sache. Wenn es um Tarife usw. geht, muss man echt aufpassen, dass man nicht reingelegt wird. Da erzählt einem einfach fast jeder etwas anderes und jeder will ja auch irgendwas verkaufen. Vorsicht ist da wirklich geboten. Ich hoffe du hast jetzt auch was passendes für Schweden gefunden?

    Vielen lieben Dank übrigens für deine Wünsche. Ich bin sehr gut angekommen und hatte eine wirklich total tolle Zeit. Daher fiel das Heimkommen dann auch umso schwerer... war wirklich gar nicht so einfach. ;)

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Ich freue mich sehr über jeden Kommentar, aber von gegenseitigem Folgen halte ich nichts. ;)